Brigitte Werner bei der Arbeit

Wertvolle Augenblicke

Gesprächsstoff, Viktoria Bethmann

Das Hospizhaus Wolfsburg liegt fast mitten im Herzen der Stadt und doch ist es fern der belebten Straßen. Ich treffe mich mit Brigitte Werner, um über die Arbeit im Hospiz, den Umgang mit dem Thema Tod und die schönen Augenblicke zu sprechen.

Der Mensch steht im Vordergrund

Schriftzug Holz
Im Hospiz verbringen die Gäste die letzte Zeit vor ihrem Versterben. / Foto: FLOW WOLF

Brigitte Werner selbst ist Sozialpädagogin und arbeitet seit 15 Jahren im Hospiz im psychosozialen Bereich. Mittlerweile ist sie die stellvertretende Geschäftsführerin des stationären Hospizes und kümmert sich auch um die Zukunftspläne, wie beispielsweise ein zweites Haus in Wolfsburg. Das Hospizhaus in der Eichendorffstraße 7 wurde 2005 eröffnet und vereint seitdem die ambulante und die stationäre Hospizarbeit unter einem Dach. Zusätzlich arbeiten sie mit einem Palliativnetzwerk zusammen, das betroffene Familien auch zuhause unterstützt. Das Ziel ist jedoch bei all diesen unterschiedlichen Angeboten das Gleiche: Die Wünsche der betroffenen Personen bestmöglich zu erfüllen und ihnen zu ermöglichen, so lange wie möglich zuhause bleiben zu können.

Eines lerne ich gleich zu Beginn unseres Gesprächs: Die Menschen, die im Hospiz sind, sind Gäste des Hauses. Hier versteht man sich als einen Teil der Wegstrecke des Lebens. Wobei nicht immer die Krankheit im Fokus steht, sondern der ganze Mensch mit seinen unterschiedlichen Bedürfnissen. Denn auch die existenziellen Fragen finden hier ihren Raum: Was ist der Sinn des Lebens? Wie möchte ich die letzten Tage meines Lebens verbringen? Habe ich etwas in meinem Leben versäumt? Wie kann ich Abschied nehmen?

Letzte Wünsche werden erfüllt

Garten im Hospiz
Der Garten bietet Platz und einen Rückzugsort. / Foto: FLOW WOLF

Die Mitarbeiter vor Ort sind selbstverständlich die ersten Ansprechpartner bei all diesen Fragen und kümmern sich auch um die letzten Wünsche der Gäste hingebungsvoll. Mit Herzblut engagieren sich hauptamtliche sowie ehrenamtliche Mitarbeiter und werden bei der Wunscherfüllung zu wahren Lieblingsmenschen. Ein Beispiel aus 2020 ist die Hochzeit im Sommer, die im Garten des Hospizhauses stattfand. Alle – Mitarbeiter und Familie – kümmerten sich um die Umsetzung. Während Aufgaben verteilt und die aktuellen Gegebenheiten durch die Corona-Situation im Blick behalten wurden, hat sich die Hochzeit zu einem richtigen Selbstläufer entwickelt. Selbst die Musik wurde aus dem Haus geliefert, denn eine Mitarbeiterin spielte eines der Lieblingslieder auf dem Klavier. Das Paar konnte ihren besonderen Tag bei Sonnenschein im Garten voll und ganz genießen und alle Beteiligten trugen dazu bei. „Das war ein ganz erfüllender und schöner Moment. Wir haben alle zusammengearbeitet und durften an diesem Stück Glück der beiden teilhaben“, erzählt Brigitte Werner während sie sich an die Hochzeit erinnert.

Die Trauer verarbeiten

Schrank mit Aufschrift
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Selbstverständlich gibt es solche Highlights auch immer wieder in einem etwas kleineren Rahmen. Für einen Gast wurde so eigens ein Hochbeet mit frischen Kräutern angelegt, bei dem er selbst zur Gartenschere griff, um diese in die Küche zu bringen. „Es sind oft Kleinigkeiten, die das Leben bei uns ausmachen. Die von der Krankheit ablenken und die Lebensqualität steigern“, sagt Brigitte Werner. Denn die Gäste können mit jedem Wunsch an die Mitarbeiter herantreten. Dabei stehen die Bedürfnisse der Gäste klar im Fokus: der Kontakt zu Menschen oder Tieren, Ruhe, leckeres Essen oder eine Massage. Auch die nonverbale Kommunikation ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit und es werden Techniken angewendet, die, zum Beispiel bei Angst, Linderung verschaffen können. Der Snuzzlewagen ist noch recht neu und lenkt die Wahrnehmung bewusst auf etwas anderes als die eigene Krankheit.

„Mit unserer Arbeit hier dürfen wir Teil von kleinen und großen Augenblicken sein. Wir versuchen immer Möglichkeiten zu finden unseren Gästen ihre Wünsche zu erfüllen“, zeigt Brigitte Werner auf und macht deutlich wieso es hier so viele Lieblingsmenschen gibt: Jeder – ob hauptamtlich oder ehrenamtlich tätig – tut sein Möglichstes, um den Gästen ihre Wünsche zu ermöglichen. Das Thema Tod und der Umgang damit sind hier etwas ganz Alltägliches. Abschied nehmen ist dabei nicht nur für die Angehörigen ein wichtiger Prozess in der Trauerarbeit, sondern auch für die Mitarbeiter. Aus diesem Grund bekommen auch die Mitarbeiter Zeit und Raum, um sich von ihren Gästen zu verabschieden. Dabei gibt es unterschiedliche Rituale, derer sich bedient wird. Jede Verabschiedung wird individuell gestaltet, doch eines haben alle gemeinsam: die persönliche Note.

Eine familiäre Atmosphäre schaffen

Stein mit Motiv
Ein familiäres Umfeld gibt den Gästen Halt und Geborgenheit. / Foto: FLOW WOLF

Allerdings gibt es nicht nur im stationären Hospiz Lieblingsmenschen, die sich liebevoll um die Erwachsenen oder älteren Menschen kümmern. Auch bei Kindern kommt es zu lebensverkürzenden Diagnosen und der ambulante Kinderhospizverein kümmert sich engagiert um die Kinder und deren Familien. In der „Trostinsel“ gibt es Kinder- und Jugendtrauerbegleiter, die sich mit der kindgerechten Trauerarbeit befassen. Kinder trauern anders als Erwachsene und neben Gesprächen, gibt es unterschiedliche Aktionen, wie Übernachtungen oder Ausflüge in den Wald, die zu ihren Bedürfnissen nach Spaß und Lachen passen. Denn in der Trostinsel ist Platz für beides: das Traurig sein und das Lachen. 

In diesem Jahr hat sich durch Corona jedoch sowohl in der Arbeit mit den Kindern als auch im stationären Hospiz einiges verändert. Dort, wo normalerweise Nähe geschenkt wird, muss Distanz gewahrt werden. Es wird ein Mund-Nasen-Schutz getragen, der das Lächeln der Mitarbeiter versteckt. Wo der Wunsch nach Zuneigung entsteht, soll so wenig wie möglich berührt werden. In dieser Zeit zeigte sich allerdings auch das Engagement der Mitarbeiter für ihre Arbeit, denn hier konnte niemand im Home-Office bleiben. „Uns ist es wichtig eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Unsere Gäste sollen sich wohl fühlen“, erklärt Brigitte Werner. Deswegen gibt es dank der Ehrenamtlichen ein breites Angebot, das sich sowohl an die Gäste als auch die Hinterbliebenen richtet. Sei es gemeinsames Singen, die Sterbebegleitung oder das gemeinsame Kochen. Für jeden, der ein Teil dessen sein möchte, wird hier der richtige Platz gefunden