Eingang Metzgerei Menzel

Hoch zu Ross

Gut zu wissen, Ingo Bartels

Bettina Menzel half schon als Kind in der Schlachterei mit und würfelte das Fleisch. So war ihr Weg vorprogrammiert und ist bis heute pure Leidenschaft für das Produkt.

Ein Meister seines Fachs

Die Familie Menzel kam 1960 nach Wolfsburg. / Foto: FLOWWOLF

Hermann Menzel hätte auch Bäcker oder Tischler werden können, wäre gegenüber seinem Elternhaus in Lüneburg keine Ross-Schlachterei gewesen. Als Schüler half er nach der Schule dort aus, um Essen für die Familie zu verdienen. Er stellte sich so geschickt an, dass er nach der Schule in die Lehre ging und später – mit 37 Jahren – den Meister machte. Es war einer der letzten Meistertitel seiner Berufssparte, da sich die Ross-Schlachter-Innung danach auflöste. Die 1881 gegründete Ross-Schlachterei von Willi Kessner zog Anfang der 50-er Jahre nach Wolfsburg und startete in den ehemaligen Baracken auf dem heutigen Gelände der Markthalle (ehemals Hertie). 1951 folgte der Umzug in die Poststraße, wo Willi Kessner neben seiner Fleischerei auch die Gaststätte „Ponybar“, die später bei den Italienern sehr beliebt war, und das Hotel „Landsberger Hof“ eröffnete. „Mein Vater arbeitete bei Kessner zur Probe“, erinnert sich Bettina Menzel. Er wollte jedoch lieber Richtung Hamburg ziehen. Allerdings hatte er so einen guten Eindruck hinterlassen, dass Willi Kessner ihn am Bahnhof in Lüneburg abfing und von Wolfsburg überzeugte.

Viel zu arbeiten liegt in der Familie

Bettina Menzel ist heute Inhaberin von ,,Roßspezialitäten Menzel” / Foto:FLOWWOLF

Die Familie Menzel siedelte somit 1960 um. Im Gepäck waren die Schwester Manuela und Ehefrau Franziska. Der Bruder Andreas kam im selben Jahr in Wolfsburg zur Welt, ehe 1966 Bettina Menzel folgte. Die Familie lebte in einer Wohnung „An der Tiergartenbreite 84“. Vater und Mutter arbeiteten in der Ross-Schlachterei. „Meine Mutter hat sehr viel gearbeitet“, blickt Bettina Menzel zurück. Sie trug nachts Zeitung aus bei Wind und Wetter, gehörte zu einer Reinigungstruppe in der Schule und war Verkäuferin in der Fleischerei sowie auf dem Wochenmarkt. Zudem kümmerte sie sich um die drei Kinder. Bettina Menzel wuchs somit quasi in der Fleischerei auf. Nach der Schule ging es in das Geschäft. „Damals gab es keine Wurstpellmaschine und wir mussten diese per Hand pellen“, schmunzelt die heutige Inhaberin und ergänzt, „danach habe ich das Fleisch in Würfel geschnitten. Das war schon immer meins, ich fand das toll.“ 

Über Umwege nach Fallersleben

Die Inhaberin packt auch selber mit an. / Foto: FLOWWOLF

1972 übernahmen die Eltern die Ross-Schlachterei mit den zehn Mitarbeitern und führten sie unter dem bisherigen Namen weiter. 1976 zog die Familie nach Wendschott und Bettina Menzel ging im Eichholz zur Realschule, danach folgte die Handelsschule im Schachtweg, die sie 1984 abschloss. Ein Jahr zuvor zog die Schlachterei um. In der Poststraße ging es nicht mehr weiter, da die Immobilie verkauft wurde und die Pacht zu hoch war. Zudem war die Straße für unsere Wochenmarkt-Anhänger zu schmal, um auf den Hof zu fahren“, erklärt Bettina Menzel den Umzug nach Fallersleben. In der Westerbreite stand die Fleischerei Michelmann leer, ein Tipp, den Hermann Menzel von seinem Mitarbeiter erhielt. Er pachtete die Räumlichkeiten im ehemaligen Misch-Gewerbegebiet und benannte seine Firma in „Ross-Spezialitäten Menzel“ um. Tochter Bettina fing nach der Handelsschule bei Werker eine Ausbildung zur Fleischerei-Fachverkäuferin an, die sie bereits nach zwei Jahren – aufgrund ihrer Vorkenntnisse – erfolgreich abschloss. Sie begann gleich darauf im elterlichen Betrieb als Verkäuferin auf dem Wochenmarkt. 1988 kaufte Hermann Menzel schließlich das Grundstück. Mit 36 Jahren machte auch sie – 2003 – ihren Meister an der I. Bayerischen Fleischerschule in Landshut an der Isar und übernahm Verantwortung, da ihr Vater sich für ein Jahr aus dem Geschäft zog, um zu sehen, wie sich die Tochter alleine anstellen würde. Sie machte ihre Sache gut und kaufte 2004 den Betrieb, da ihre Mutter mit 60 Jahren und ihr Vater mit 70 Jahren in die wohlverdiente Rente gingen. Ihre Schwester Manuela hatte sich mittlerweile aus dem Unternehmen herausgezogen. 2016 verstarb ihr Bruder und ihre Mutter und zwei Jahre später ihr Vater. 

BARF als neue Geschäftsidee

Die Fleischmasse wird zubereitet. / Foto: FLOWWOLF

Seit dem Kauf 1988 wurde der Betrieb immer wieder modernisiert und das Geschäft auf breitere Füße gestellt. Am 10. Oktober 2010 eröffnete die Hundehalterin einen Futtershop für Hunde. „Eine sehr gute Entscheidung, da viele unserer Kunden, Hunde mit Allergien hatten“, sagt Bettina Menzel. Sie spezialisiert sich dabei auf „biologisch artgerechtes rohes Futter (kurz BARF) und trifft auf eine große Beliebtheit. Im selben Jahr macht sie noch eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin für Hunde. Im BARF-Shop macht sie alles selbst und schaffte sich eine weitere Einnahmequelle, da „die Verlängerung der Öffnungszeiten im Einzelhandel und die fehlenden Feste Umsatzeinbußen mit sich brachten“, erklärt sie. Dennoch ist das Pferd ein großer Umsatztreiber. „Rund eine Tonne Pferdefleisch kaufen wir monatlich ein“, rechnet sie vor. Die Pferdewurst ist weiterhin sehr beliebt in Wolfsburg, da das Unternehmen schon eine lange Tradition hat. In der Wurst selbst stecken 60 % Pferd, 20 % Schwein und der Rest sind Gewürze. „Die Pferdewurst ist ein generationsübergreifendes Produkt. Die Kinder lieben es – bis sie das Schild lesen können. Dann sind es meist die Mädchen, die darauf verzichten. Wenn sie dann selbst Mütter sind, geben sie ihrem Kind wieder eine Pferdewurst“, schmunzelt Bettina Menzel. Sie setzt dabei auf ausschließlich deutsches Fleisch und erklärt, dass es schwieriger geworden ist, Lieferungen zu erhalten, die ihrem hohen Qualitätsanspruch genügen. Die Nachfrage ist jedoch weiterhin sehr groß. Jetzt im Sommer gehen die 5-er Pakete besonders gut über den Tresen. „Oft werden die Pakete für die Familienmitglieder gekauft, die mittlerweile nicht mehr in der Stadt leben“, weiß Bettina Menzel um die Beliebtheit der Ross-Bratwurst. Ihre Tochter wird den Betrieb später allerdings nicht weiterführen und das Betriebsgelände darf nicht neu verpachtet werden, da die Westerbreite in ein reines Wohngebiet umgewandelt werden soll.