Mobile Kirmes auf LKW

Funkelnde Kinderaugen

Katrin Haudel, Unterhaltung

Wenn man zwischen Gaumenschmaus und Fahrgeschäften aufwächst, ist man hier vor Ort vielleicht ein Kind der Schaustellerfamilie Voß. Familie und Arbeit gehören da zusammen, heute bereits in fünfter Generation.  

Alles begann in Wendschott

In Wendschott ist noch heute der zentrale Punkt der Schaustellerfamilie. / Foto: FLOWWOLF

Als 1968 „Opa Fritze“, wie die jüngste Generation des Schaustellerbetriebes so schön sagt, das Haus der Familie im Ortsteil Wendschott baute, schaffte er einen zentralen Punkt, von welchem noch heute alles ausgeht, und wohin alle Fahrgeschäfte und Wagen am Ende eines Festes hin zurückgebracht werden. Das alte Kinderkarussell sowie einige Teile alter Stände erinnern an die Zeiten mit dem Großvater, der laut der Enkel seinem Herzen immer freie Luft machte. „Was der manchmal sagte, egal ob zur Verkäuferin, Mutter oder zum Bürgermeister persönlich, war sehr direkt. Aber so war er halt, wir erinnern uns gerne,“ sagt Gilbert Voß und lacht.  

Die Erinnerungen bleiben von Generation zu Generation erhalten „und werden auch nicht verkauft, das bleibt alles in der Familie“, so vermittelt Vater Andre den persönlichen Wert jedes einzelnen Erinnerungsstückes und man kann diese Magie förmlich spüren 

Deutschlandweit unterwegs

Bereits seit fünf Generationen gibt es die Schaustellerfamilie Voß. / Foto: FLOWWOLF

Die ersten Generationen der Familie haben noch mit Pferden gehandelt, die Urgroßeltern später mit Wanderbühnen angefangen, sie hatten somit einen eigenen Fundus, jedoch keine feste Spielstätte und so nahm alles seinen Lauf. Als dann der Großvater den Zeltbetrieb für sich entdeckte, hatte die Familie irgendwann bis zu 4.500 Quadratmeter Festzelt. Auch das erste Doppelstockzelt zählte zu ihrem Besitz. Der Zeltbetrieb Weber ist noch heute einigen Veranstaltern in der Region ein Begriff. Allerdings waren die Brüder da noch zu viert und alle halfen im Familienbetrieb mit. Gleich zwei Todesfälle trafen die Familie hart. „Nichts ist schlimmer als seine Kinder zu verlieren, erinnert sich Andre Voß an die Trauer seines Vaters. Und auch für ihn selbst waren die Todesfälle seiner Brüder die schmerzlichste Erfahrung. Doch der Betrieb sollte weiterlaufen und so übernahm Andre Voß, der einst seine Kindheit im Modenhaus Becker verbrachte, 1991 das familiengeführte Unternehmen.  

Wie man sein soziales Netzwerk ausbaut, hat er vom Vater gelernt, welcher sich gerade in der Region immer wieder für funktionierende Veranstaltungen einsetzte. Der Windmühlenberg in Fallersleben sorgte zur damaligen Zeit endlich für Strom und Wasser an richtiger Stelle. Andre Voß vergrößerte den Familienbetrieb von nun an stetig. Er kaufte Wagen, Geräte und Fahrgeschäfte zu. Wo man einst bis Hamburg unterwegs war, fuhr man nun bis nach Baden-Württemberg. „Jedes Fest ist ein besonderes Fest für uns, ich brauche auch kein Navigationssystem, um die Festplätze zu finden“, sagt das Familienoberhaupt und macht deutlich, dass es zu jedem Standort auch eine Verbindung gibt. Wir Schausteller sind wie eine große Familie über 600 bis 700 Kilometer deutschlandweit verteilt“, fügt seine Frau, welche selbst aus einer Zirkusfamilie stammt, hinzu.  

Selbstständigkeit liegt in der Familie

Chilli und Cocos waren die beliebtesten Sorten für gebrannte Mandeln. / Foto: FLOWWOLF

Heute sind auch die beiden ältesten Söhne bereits selbstständig. Sohn Willi hat den Schritt in die Selbstständigkeit mit 22 Jahren gewagt, Sohn Gilbert bereits als 18-Jähriger. Früh Verantwortung übernehmen und eigene Ideen mit einbringen, dies wurde den Kindern mit in die Wiege gelegt. Das Leben und Arbeiten auf dem Rummel sei für sie nicht mehr wegzudenken. Selbst die beiden Mädchen, heute vierzehn und zwölf Jahre alt, wollen gerne einmal in den Betrieb mit einsteigen. „Aber eine Ausbildung machen wir trotzdem, da man nie weiß was kommt“, so die beiden Teenager. Mit jeder Generation wachsen die Ideen und Ansprüche. „Papa hat immer seine zwei Mandelsorten gemacht, Chili und Cocos“, erinnert sich Sohn Gilbert. Er selbst habe sich dann ausprobiert, ohne natürlich das Grundrezept des Großvaters zu verändern. Noch heute wird zur Herstellung die edlere spanische Largueta-Mandel genutzt. Das Mandelbrennen will gelernt sein. Der Vater war skeptisch. Die Kunden kaufen, was sie gewohnt sind und wollen meist keine Veränderung“, wirft er ein. Doch bis zu dreißig verschiedene Mandelsorten bot man schließlich dem probierfreudigen Publikum auf den verschiedensten Festen an. „Wer hätte das gedacht“, sagt Gilbert verschmitzt in Richtung seines Vaters, welcher stolz lächelt.  

Doch nicht nur an der Auswahl der Süßwaren hat sich seither einiges getan, die Fahrgeschäfte wurden schneller, höher, adrenalinreicher. So hat Sohn Willi mit der Air Race– Vertikalschaukel, eines Karusselltyps der sogenannten „Scheibenwischer“, eine der größten Fahrgeschäfte Europas angeschafft. Mit einer Flughöhe bis zu acht und einer Länge von zwanzig Metern ist sie die Attraktion jedes Rummels. Durch modernste Technik ist es möglich, eine familienfreundliche als auch, für das junge Abendpublikum, eine adrenalingeladene Fahrt anzubieten. Die größten Festplätze werden damit angefahren, jedoch ist die Familie auch auf Reitturnieren, diversen Anlässen und Attraktionen in der Umgebung vertreten.  

„Man kennt uns hier, wir sorgen für alles, vor allem für lachende Kinderaugen. Wir arbeiten da, wo Menschen Spaß haben und ihre Sorgen vergessen“, wirft Vater Andre ein und verliert kurzer Hand sein Lachen. Denn gerade die hiesige Zeit ist für Schaustellerfamilien ungewisser denn je.  

Corona als schwerer Rückschlag

Familiärer Zusammenhalt ist in diesen Zeiten besonders wichtig. / Foto: FLOWWOLF

Als wir vom Team FLOW WOLF eintreffen, sitzen die fünf Kinder alle mit am Tisch. Gerade findet das Familienleben auf dem Innenhof des großen, eingezäunten Grundstückes statt. Es ist nicht die sogenannte „Saure-Gurken-Zeit“ zwischen Januar und März, in welcher Wartungsarbeiten und Vorbereitungen für die kommenden Veranstaltungen und Feste getroffen werden. Doch wie kommt es dann, dass zu dieser Jahreszeit alle zu Hause sind? Corona ist die simple und ach so ungewisse Antwort. Durch die Pandemie fehlen nicht nur so gut wie alle Einnahmen, auch die sozialen Kontakte zwischen den Familienbetrieben werden schmerzlich vermisst. „Gerade die Kinder sind es gewohnt, dass sie alle Schausteller regelmäßig sehen und wie eine große Familie, mit Blick aufeinander, über die Plätze und durch die Wohnwägen tingeln“, ergänzt Frau Voß traurig.  

„Die WMG (Anmerkung der Redaktion: Wolfsburg Wirtschaft und Marketing GmbH) und auch andere sind sehr interessiert uns zu helfen, das muss man sagen, aber wie? Für uns gibt es nichts Schlimmeres, wir haben keinerlei Informationen, wie und ob es für uns weitergeht. Wir warten jeden Tag auf grünes Licht“, sagt Andre Voß sichtlich besorgt. Die Bereitschaft sich auf ganz genaue Hygienemaßnahmen einzulassen ist da, lediglich arbeiten wolle man.  

Das Unverständnis das vor Ort in einiges Bars bereits wieder dicht auf dicht getanzt werde, die Tierparks und Zoos voll sind und die eigene Familie aber, noch dazu an der frischen Luft, nicht ihren Lebensunterhalt verdienen darf, ist groß. „Der Weihnachtsmarkt ist unser Hauptjahresgeschäft“, so Voß, „wenn dieser nicht stattfindet, wissen wir nicht weiter.“